Japanisches Kunsthandwerk

Indigo – Das blaue Gold aus Japan

indigo schal

Heute nehmen wir euch mit auf einen Abstecher in die Präfektur Tokushima auf der japanischen Insel Shikoku. Wir sind hier dem traditionellen Kunsthandwerk der Indigo-Färbung auf der Spur. Die Blau-Färbung von Baumwollstoffen mit Hilfe von Extrakten der Indigo-Pflanze (Indigofera) hat hier nämlich eine lange Tradition und gilt als traditionelles Kunsthandwerk. Das Verfahren des sogenannten Aizome (Ai = Indigo, Some / Zome = Färbung) wird schon seit den Anfängen der Edo-Zeit (etwa 1600) durchgeführt. Auf unserer kleinen Reise schauen wir uns an, warum sie besonders in den Regionen Tokushima so gut wächst und welche Rolle die Kriegerkaste der Samurai bei der Verbreitung der indigofarbenen Stoffe spielte. Außerdem schauen wir uns den Herstellungsprozess von der Pflanze bis zum fertigen Stoff einmal genauer an und werden sehen, dass blaue Fingernägel hier kein seltsamer Modetrend ist, sondern der Beweis für harte Arbeit und Hingabe.

Die Geschichte der blauen Stoffe

indigo pflanzen

Zunächst sollte man wissen, dass Indigofera ursprünglich eine tropische Pflanze ist und wahrscheinlich im 16. Jahrhundert mit portugiesischen Seefahrern aus Südasien (Indien) nach Japan kam. Doch da die Pflanze in so “kalten” und wenig tropischen Klimaten wie in Zentraljapan eigentlich nicht gedeiht. Es wurde daher eine Unterart gezüchtet, die auch in kühleren Klimaten wachsen kann. Sie heißt auf japanisch Tadeai und gehört zu den Knöterichgewächsen. In Tokushima fließt der Yoshino Fluss teils unterirdisch und wird durch die vulkanische Aktivität erhitzt, sodass er die darüber liegende Erde erwärmt. Durch diese Gegebenheit können die Indigopflanzen hier besonders gut wachsen, sodass sich hier in der Edo-Zeit viele Bauern auf die Zucht, dieser Pflanze und die verbundene Färbemethode spezialisiert haben.

Das blaue Gold

samurai ukiyoe

Damals waren blaue Farbstoffe (zu mindest in Europa) sehr selten und teuer, weshalb Indigo auch das “blaue Gold” genannt wurde. Die Beliebtheit in der Bevölkerung im Japan der Edo-Zeit hatte jedoch gleich mehrere Gründe: Zum einen war es dem gemeinen Volk, also den Bauern, Handwerkern und Händlern verboten worden Seidenstoffe als Kleidung zu tragen, so dass dadurch die Baumwollproduktion eine Blüte erlebte. Baumwolle lässt  sich allerdings nur schwer bzw. mit wenigen natürlichen Farbstoffen färben. Eine der Ausnahmen ist Indigo. Daher kam wohl die Beliebtheit bei den einfachen Leuten, doch warum haben auch Samurai gerne die blaue Kleidung unter ihrer Rüstung getragen? Das hatte wohl eher pragmatische Gründe. Da die Stoffe, welche mit Indigo gefärbt waren, sowohl schmutzabweisende Eigenschaften als auch trugen und man sich darüber hinaus sagte, dass sie eine antibakterielle Wirkung haben, war es für einen Samurai einfach praktisch solche Unterkleidung zu tragen. Wenn er zum Beispiel in einem Kampf leicht verletzt wurde, waren die Chancen, an einer Infektion zu erkranken viel niedriger. Natürlich wussten die Samurai damals nicht was Bakterien sind und auch nicht welcher Bestandteil des Indigo (Tryptanthrin) für diese tolle Eigenschaft verantwortlich war.

indigo seil

Eine weitere Eigenschaft von Indigo und Baumwolle ist, dass sie schwer entflammbar sind und das war insbesondere für Feuerwehrleute interessant. Da es in den Städten der Edo-Zeit recht häufig Großbrände gab, denn offene Feuerstellen in Kombination mit Erdbeben und Holzhäuser mit Papierwänden brennen wie Zunder, da war es bestimmt nicht verkehrt, diese Art von “sicherer” Kleidung zu tragen.

Die Herstellung der Indigo-Tinte

indigo textil

Die traditionelle Extraktion des Farbstoffes aus der Indigofera-Pflanze ist sehr zeitaufwendig und beinhaltet viele Schritte, die per Hand ausgeführt werden. Daher wird Indigo heutzutage hauptsächlich synthetisch hergestellt, doch in der Region Tokushima gibt es noch 5 Agrarbetriebe, die Indigo anbauen und das klassische Kunsthandwerk pflegen.

Die Ernte und Gärung

Für die Gewinnung müssen zunächst die Indigofera-Blätter geerntet, die Blätte und Stängel mit einem Ventilator getrennt und dann in der Sonne getrocknet werden. Damit die Blätter gleichmäßig trocknen, werden die Blätter per Hand mit einem Besen ständig gewendet. Die Erntezeit ist am Anfang des Sommers nachdem die Tsuyu-Zeit vorbei ist. Nach dem Trocknen werden sie in einem dunkeln Raum für 100 Tage vergoren. Während der Zeit müssen die gärenden Blätter im Abstand von 3-4 Tagen gewendet und gewässert werden. Wichtig ist auch, dass der Raum konstant bei der richtigen Temperatur gehalten wird und die hinzugefügte Wassermenge genau stimmt. Das ist ein echter Knochenjob, weil durch die Gärungsprozesse viel Ammoniak freigesetzt wird, der Augen und Haut stark reizt.

Die Farblösung

indigo herstellung

Das Produkt, welches daraus entsteht heißt Sukumo. Ab hier gibt es zwei unterschiedliche Wege, wie Sukumo weiterverarbeitet wird. Entweder es wird getrocknet und für den Versand zu anderen Färbereien vorbereitet oder mit Wasser, Weizenkleie und Natronlauge für 10 Tage weiter vergoren. Während der Fermentierung setzen die Blätter dann den wasserlöslichen (farblosen) Vorläuferstoff Indikan frei. Die Blätter enthalten etwa 0,2 – 0,8 % dieses Stoffs. Während des Gärungsprozess wird Indikan mit Hilfe eines natürlich vorkommenden Enzyms zum gelben Indoxyl abgebaut. Wenn dieser in Berührung mit dem Luftsauerstoff kommt, wird er zu Indigo und erhält die typische blaue Farbe. Das Indigo  flockt durch die starke Laugenlösung aus und wird abgeschöpft. Es wird getrocknet und zu Pulver verarbeitet. Wenn das Pulver wieder in Wasser gelöst wird, können damit die Baumwollstoffe gefärbt werden. Um verschiedene bläuliche bis violette Farbtöne zu erzielen, kann das Pulver auch mit verschiedenen anderen Farb-Substanzen vermischt werden. Die Blautöne können von Nando-iro (schwarzblau) bis Kachi-iro (Meeresfarben) rangieren.

aizome herstellung

Die Färbung der Stoffe

Der Färbeprozess der Stoffe und Tücher findet dann in verschiedenen Tauchbecken statt, bei dem heutzutage auch Maschinen zum Einsatz kommen, die dafür sorgen, dass die Stoffe gleichmäßig gefärbt werden. Die Färbe-Meister haben, aber während des gesamten Ablaufs ein scharfes Auge auf die Stoffe, denn zu viel oder zu wenig Farbstoff im Färbebad würde das Ergebnis ruinieren. Auch die Zeit, die der Stoff in dem Farbbad verbringt ist ausschlaggebend für das Ergebnis. Je länger der Stoff in Berührung mit dem Indigo ist, desto kräftiger und dunkler wird die Stofffarbe. Die meisten Färber arbeiten dabei ohne Sicherheitshandschuhe, so dass sich ihre Hände, aber vor allem die Fingernägel blau färben. Selbst wenn sie sich nach der Arbeit die Finger gründlich waschen, bleiben die Nägel indigoblau.

aizome japanische indigo färbung

Shibori (Schnürbatik) ist eine der bekanntesten Methoden, um durch unregelmäßige Färbung Muster zu erzeugen. Hierfür wird der Stoff entsprechend der gewünschten Muster mit Schnüren umwickelt oder zusammengebunden und dann in das Farbbad getaucht. Da die Farblösung die umwickelten Stellen nicht berührt, werden diese Bereiche entsprechend nicht gefärbt und hinterlässt ein einzigartiges Muster auf dem Stoff.

Natürlicher vs künstlich-hergestellter Indigo-Farbstoff

3 jeans

Heute begegnet einem die Farbe Indigo hauptsächlich in Gestalt von den Denim Jeans. Diese werden allerdings nicht mit dem natürlichen Farbstoff, sondern mit der künstlich-hergestellten Variante von Indigo gefärbt. Dadurch können pro Jahr mehrere tausend Tonnen Jeans produziert werden. Wer sich jetzt freut, dass die Blue Jeans im Schrank gegen bakterielle Infektionen und so weiter hilft, den muss ich leider enttäuschen. Das künstliche Indigo erzielt zwar ähnliche Farbeffekte wie der natürliche Farbstoff, doch weil die chemische Struktur etwas anders ist, fehlen auch die positiven Eigenschaften. Ein weiterer Unterschied ist die Farb-Beständigkeit. Wer kennt das nicht, dass die Lieblingsjeans über die Zeit immer weiter verblasst? Das passiert allerdings nur mit Stoffen, die mit synthetischem Indigo in Berührung gekommen sind. Das natürliche Indigo ist wesentlich beständiger und verblasst daher nicht im gleichen Maße.

Indigo und Porzellan

Der blaue Indigo-Farbstoff wird auch außerhalb der Textilbranche zur Färbung verwendet. So hat auf der Insel Shikoku eine Synthese aus dem blauen Gold (Indigo) und dem weißen Gold (Porzellan) stattgefunden. Die benachbarten Präfekturen Tokushima und Ehime haben sich auf das jeweilige Kunsthandwerk spezialisiert und durch die Verbindung entstand das als Tobe-Yaki bekannte blau-weiß Porzellan.

Posted by Miriam

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