Design & Kunst aus Japan

Ausstellung – Vor der Katastrophe in Tohoku

Aomori, Iwate, Akita, Yamagata, Miyagi und Fukushima bilden die nordöstliche Region der größten Hauptinsel Japans. Die Region ist allgemein bekannt als Tohoku, welches auf japanisch To=Osten und Hoku=Norden bedeutet. Tohoku war schon lange Heimat von vielfältiger Natur und schönen Landschaften, bis das Seebeben in der Nähe der japanischen Küste am 11. März 2011 um 14:46 Uhr vieles veränderte. Dieses Beben war so stark, dass es mehrere Tsunamis von über 10m Wellenhöhe auslöste. Diese Wellen beschädigten dann das Kernkraftwerk in der Präfektur Fukushima. Man spricht daher auch von der 3-fach Katastrophe.

Hans-Christian Schink, aus der Serie „Tôhoku“ © Hans-Christian Schink, Courtesy Kicken Berlin und Galerie Rothamel Erfurt/Frankfurt

Mehr als 18,455 Leute sind bei dem Beben und den Tsunamis gestorben oder als vermisst gemeldet worden (Stand 10. März 2016). 400,326 Häuser sind entweder komplett oder teilweise zerstört worden. Heute, 5 1/2 Jahre nach der Katastrophe werden Häuser, Straßen und Brücken langsam wiederaufgebaut. Aber auf Grund der erhöhten Strahlenbelastung der Gegend gehen die Aufbauarbeiten nur sehr langsam voran und vermutlich wird es auch in Zukunft noch schwer sein, ehemalige Bewohner der Gefahrenzone um das AKW Fukushima zurück in ihre Heimat zu bringen.

Das Leben vor der Katastrophe

Wir möchten euch hier von einer wunderschönen Ausstellung berichten, die zeigt wie Tohoku bzw. Fukushima vor dem Erdbeben und der Katastrophe 2011 aussahen. In der Ausstellung des japanischen Kulturinstituts, die 2012 zum ersten Mal von Kotaro Iizawa, einem japanischen Fotografiehistoriker, kuriert wurde, werden Fotografien aus dem Nordosten Japans vor der Katastrophe 2011 ausgestellt.

Besonderes Fukushima ist durch das Unglück weltweit bekannt geworden. Wer kennt aber die Kultur, Geschichte und Landschaft von Tohoku? Was ist für die Region charakteristisch? Die Besonderheiten von Tohoku, die bislang laut IIzawa nur wenig Aufmerksamkeit erfahren haben, sollen durch die Ausstellung mehr in das Bewusstsein der Leute rücken.

Interessanterweise wurde Tohoku bis in die Edo-Zeit (Tokugawa Shogunat, ab ca. 1600-1868) von den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zentren Kyoto und Edo (das heutige Tokyo) als “barbarisch” bezeichnet, obwohl die dortigen Provinzen in dieser Zeit bereits zu Japan gehörten. Grund dafür ist, dass die Bewohner noch größtenteils als Jäger und Sammler lebten und naturverbundener waren als in den anderen Regionen Japans. Jagen war in der Jomon-Zeit (ca. 30.000 v. Chr. – 300 v. Chr.) prävalent, aber seit der Yayoi-Zeit (ca. 300 v. Chr – 300 n. Chr.) setzte sich der Reisanbau in den meisten Teilen durch und beherrschte ab dann die japanische Esskultur. Daher wirkte der Lebensstil der Tohoku-Bewohner als veraltet und unzivilisiert betrachtet. Die Lebensweise der Jomon-Zeit wurde im Laufe der Jahrhunderte von den meisten Japanern vergessen, aber Tohoku sind auch heute noch die Überreste der Jomon-Kultur sichtbar und damit die Ursprünge der japanischen Kultur lebendig.

Im Japanischen Kulturinstitut in Köln werden Fotowerke, die zu verschiedenen Zeitpunkten in Tohoku aufgenommen wurden, von neun Fotografen und einer Fotografengruppe ausgestellt. Zeit und Orte der Fotografien, die ausgestellt werden, sind zwar unterschiedlich, aber man kann in den Fotos leicht die Gemeinsamkeiten entdecken; Am Rande der Welt; Wahrheit der Welt.

TOHOKU – DER NORDOSTEN JAPANS:

Gesehen mit den Augen japanischer Photographen

1. Teisuke Chiba (1917-1965)

Foto: https://www.artsy.net/artwork/teisuke-chiba-driving-off-sparrows-kitsunezaka-taiyu-village

Teisuke Chiba, Driving off Sparrows, Kitsunezaka, Taiyu Village, 1943.

Teisuke Chiba ist ein japanischer Amateurfotograf, der gerne das Leben der Landbevölkerung fotografierte. Hauptberuflich war er jedoch als Kimono-Händler beschäftigt. Die Szene des Fotos (oben) ist ein Ritual bei der Reisernte, bei dem die Kinder singen, um Vögel zu vertreiben.

2. Ichiro Kojima (1924-1964)

Foto: https://www.artsy.net/artwork/ichiro-kojima-around-inagaki-tsugaru-shi

Ichiro Kojima, Around Inagaki, Tsugaru-shi, 1960.

Ichiro Kojima aus Aomori fotografierte „Bauern und Kultur“ in Tsugaru, einer Stadt in der Präfektur Aomori, ganz im Norden der Region. Die Besonderheit seiner Fotografien ist der starke hell-dunkel Kontrast. Das Foto (oben) vermittelt die eisige Kälte im Winter.

3.Hideo Haga (1921-)

Foto: https://www.artsy.net/artwork/hideo-haga-longevity-dance-motsuji-temple-hiraizumi-iwate 

Hideo Haga, Longevity Dance, Matsuji Temple, Hiraizumi, Iwate, 1979.

Hideo Haga ist ein japanischer Ethnologe. Er interessiert sich für japanische regionale Feste und religiöse Rituale. Besonders die Volksfeste in Tohoku begeistern ihn, weil die Feste einen starken Bezug zur Jomon-Kultur aufweisen und viele sehr dynamische Elemente enthalten.

4. Masatoshi Naito (1938-heute)

Foto: https://www.artsy.net/artwork/masatoshi-naito-statue-of-osawabutsu-ourani-sanpou-koujin-dewa-sanzan

Masatoshi Naito, Statue of Osawabutsu, Ourani Sanpou Koujin, Dewa Sanzan, 1981-82.

Masatoshi Naito ist ebenfalls ein japanischer Ethnologe. Er interessiert sich für Masken, die als Götter in Schreinen und Tempeln in Tohoku verehrt werden. Das Foto (oben) stellt eine Maske eines Teufels (Oni) dar. Dieser Teufel stellt die Angst vor Naturgewalten dar.

5. Hiroshi Oshima (1944-heute)

Foto: https://www.artsy.net/artwork/hiroshi-oshima-ohamaza-cho-la-ville-de-la-chance

Hiroshi Oshima, Ohazama-cho, La Ville de la chance, 1979.

Hiroshi Oshima ist ein japanischer Fotograf. Er fotografiert Alltagsszenen mit einer mystischen Stimmung.

6. Lin Meiki (1969-heute)

Foto: https://www.artsy.net/artwork/meiki-lin-reflection-of-green-beech-woods

Lin Meiki, Reflection of Green Beech Woods, 2011.

Lin Meiki studierte zunächst Medizin, wechselte später aber seinen Interessenschwerpunkt zu Fotografie. Sein Großvater ist ein Taiwanese. Er interessiert sich für den Wechsel der Jahreszeiten und fotografiert oft Szenen, die Wasser enthalten.

7. Masaru Tatsuki (1974-heute)

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Foto: https://www.artsy.net/artwork/masaru-tatsuki-a-deer-shot-dead-kamaishi-iwate

Masaru Tatsuki, A Deer Shot Dead, November 2009, Kamaishi, Iwate, 2009.

Masaru Tatsuki aus Toyama lernte ein paar Hirschjäger kennen, als er in Iwate herumreiste, welches für ihn zum Anlass wurde, Leute in Tohoku zu fotografieren. Das Foto ist von einem Festival, das übersetzt „Hirschtanz“ heißt. Einerseits werden dabei Hirsche von Jägern getötet, andererseits werden die Hirsche als Symbol der Lebendigkeit verehrt. Tatsuki befand sich auch am 11. März 2011 zur Zeit des Erdbeebens in Tohoku. Seine Werke aus Tohoku wurden in dem Fotografie-Katalog “TOHOKU” (2012) zusammengefasst. Für den Katalog bekam er den Kimura-Ihei-Fotografiepreis.

8. Sendai Collection (1969-heute)

Foto: https://www.artsy.net/artwork/sendai-collection-perspective-sendai-collection-vol-dot-1

Sendai Collection, Perspective, Sendai Collection Vol. 1, 2000-03.

Sendai Collection ist eine Fotografengruppe, die aus acht Personen besteht. Sie fotografieren alltägliche Gebäude, Straßen, Brücken, Treppen und andere Gegenstände, und zwar so objektiv wie möglich. Ihre Fotografien erinnern in ihrer Art an die Fotografien von Bernd und Hilla Becher. Nach der Katastrophe von 2011 spielten ihre Fotos aber eine ganz andere Rolle. Die meisten Objekte in ihren Fotos existieren wegen des Erdbebens und des Tsunamis nicht mehr. Ihre Werke dienen nun der Archivierung von Straßenszenen.

9. Nao Tsuda (1976-heute)

Foto: https://www.artsy.net/artwork/nao-tsuda-kamoaosa-akita-field-notes-jomon-sites-slash-oga-peninsula-slash-yonomori

Nao Tsuda, Kamoaosa, Akita, FIELD NOTES (Jomon Sites/Oga Peninsula/Yanomori), 2011.

Nao Tsuda fotografiert hauptsächlich religiöse Feste in der Welt. 2010 fing er an, Ruinen der Jomon-Zeit zu fotografieren. Nachdem er am 09. März 2011, zwei Tage vor der Katastrophe, in der Region Aufnahmen machte fuhr er nach Tokio und war glücklicherweise von dem Erdbeben nicht betroffen. Seine Werke zeigen die letzten Tage vor der Katastrophe.

10. Naoya Hatakeyama (1958-heute)

Foto: https://www.artsy.net/artwork/naoya-hatakeyama-kesengawa-2003-slash-08-slash-23

Naoya Hatakeyama, Kesengawa, 2003/08/23/, 2003.

Naoya Hatakeyama kommt aus der Stadt Rikusen-takata, die größtenteils von der Katastrophe zerstört wurden. Seine Fotografien, die im Katalog “Kesengawa” gebunden sind, sind zunächst als seine privaten Werke entstanden. Er machte Fotos von der Landschaft um den Kesengawa-Fluss in seiner Heimat. Die Frau auf dem Foto (oben) ist seine Mutter, die bei der Katastrophe verstorben ist. Seine Werke zeigen Veränderung der Stadt vor und nach der Katastrophe, besonders die zerstörte und geradezu verloren aussehende Landschaft in Rikusen-takata vermittelt einen guten Eindruck von dem Ausmaß der Verwüstung.

Posted by Yuya

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.