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Japonismus und Ukiyo-e – Faszination an der japanischen Kunst

claude monet dame monet en costume im Japonismus

Was haben eigentlich Claude Monet, Edouard Manet, Vincent van Gogh, Paul Klee, Edgar Degas, Gustav Klimt und Wassily Kandinsk gemeinsam? Sie waren alle berühmte Künstler verschiedener Stilrichtungen und doch hatten sie eins gemeinsam: Ihre Begeisterung für japanische Kunst. Claude Monet sagte einst, dass die Japaner zweifellos den westlichen Künstlern eine andere Art der Bildkomposition zeigten. Vincent van Gogh schrieb seinem Bruder Theo in einem Brief, dass alle seine Werke zu einem gewissen Ausmaß auf der japanischen Kunst basieren. Paul Klees Kernelement, die “Reduktion der Linien”, oder seine Tuschemalereien (Kalligraphie) zeigen seine Faszination mit und Inspiration durch japanische Kunst. Doch was genau faszinierte diese europäischen Künstler so sehr an dieser? Warum wurde klassische japanische Kunst im 19. und frühen 20. Jhd. so gehypt und was machte den Japonismus so besonders?

Was ist Japonismus?

The Japanese Parisian - Alfred Stevens - 1872 - Wiki Art
The Japanese Parisian – Alfred Stevens – 1872 – Public domain WikiArt

Japonismus ist eine gesellschaftliche Strömung im 19. Jahrhundert, welche die ästhetische Faszination an der ostasiatischen Kunst aus Japan, Korea und China (z.B. Kimono, Bronzen, Seiden, Porzellane und Ukiyo-e Farbholzschnitte) beschreibt. Der genaue Ursprung des Worts “Japonismus” (franz. Japonisme) ist nicht bekannt. In der Pariser Weltausstellung im Jahr 1867 wurde die japanische Kunst plötzlich weltberühmt. Die ostasiatischen Kunsthandwerks- und Kunstgegenstände waren so exotisch und so neu für den Westen, dass sie die europäische Kunstszene für über 50 Jahre in Begeisterung versetzte. Trotz der großen Faszination der Künstler und Kunstliebhaber, blieb jedoch das Wissen um die Unterschiede zwischen den verschiedenen ostasiatischen Kulturen und Kunststilen verborgen. Unter dem Oberbegriff “Japonismus” sammelten sich also Werke und Kunstgegenstände aus den verschiedensten Ländern des fernen Ostens.

Japanische Kunst in der Edo-Zeit

samurai ukiyo-e bilder
Die Schauspieler – Utagawa Yoshitaro – ukiyo-e.org

Bis 1854 war die japanische Kunst in Europa eher unbekannt, da Japan zuvor mehr als 200 Jahre lang vom Rest der Welt (fast vollständig) isoliert war (Sakoku). Die Japaner mussten sich daher an ein striktes Aus- und Einreiseverbot halten. Jegliche Kontakte zum Ausland waren untersagt oder streng limitiert. Durch diese Außenpolitik gab es kaum Möglichkeiten für kulturellen und künstlerischen Austausch zwischen Japan und Europa. 

In Japan wird die Edo-Zeit (1603-1868) jedoch häufig als die Blütezeit der japanischen Kunst und Kultur beschrieben. Durch den Wegfall von Kriegen und Schlachten während des Sakoku verlor die Samurai-Klasse immer mehr an Macht und im Gegenzug gewannen die Händler, durch geschickte Tauschgeschäfte und das Verleihen von Geld, zusehends an Einfluss. Die Wirtschaft florierte und brachte auch der normalen Stadtbevölkerung einen gewissen Wohlstand. Beide Klassen – die Samurai als höchste, sowie die Händler als niedrigste Klasse waren starke Unterstützer der schönen Künste wie zum Beispiel dem Kabuki Theater, dem Rakugo, dem Kunsthandwerk und eben auch der Ukiyo-e Holzschnitt-Kunst. All diese Kunstformen hielten auch Einzug in den gewöhnlichen Alltag. So traf man sich nach der Arbeit und ging zusammen zu einer Kabuki Vorführung und hatte Zuhause Ukiyo-e Bilder von berühmten Künstlern oder Landschaften an der Wand hängen.

Ukiyo-e – die japanische Holzschnittkunst

fuji san ukiyo-e
Tama River – Fugaku Sanju-rokkei –  Katsushika Hokusai – 1829-1833 – ukiyo-e.org

Viele glauben, dass Ukiyo-e schon immer Kunstwerke waren. Doch die Drucke von Holzschnitten wurden in der Edo-Zeit eher wie Zeitungen oder Magazine behandelt. Die gab es zum Beispiel in der Form von Bilderheften, Groschenromanen, Bildkalendern zum verschenken oder als Werbung für verschiedene Produkte. Das kam daher, dass die Ukiyo-e Bilder durch die geringen Kosten schnell und massenhaft produziert werden konnten. Ein Ukiyo-e kostete ca. 3-5 EUR. “Verbrauchte” Ukiyo-e Drucke wie der “The Hokusai Manga” (1811) von Katsushika Hokusai wurden vermutlich auch als Verpackungspapier für Porzellan benutzt, so wie wir Zeitungspapier nehmen würden. Es gibt die Theorie, dass auf diesem Weg auch die ersten Ukiyo-e nach Europa gelangten. Anfänglich durch Zufall entdeckten somit wohlhabende Europäer, die sich fernöstliches Porzellan gekauft hatten, die Schönheit der Ukiyo-e auf dem Verpackungsmaterial!

Die Leute haben nach dem Besuch des Kabuki-Theater oft Ukiyo-e von Kabuki-Schauspielern als Erinnerungsstück oder Mitbringsel gekauft. Aber auch Landschaftsukiyo-e waren sehr populär. Ukiyo-e beeinflussten die Japonismus-Strömung stark, weil diese Art der Kunst und die Techniken ganz neu in Europa waren.

Die japanische Kunst kam nach Europa

Nach der Landesöffnung (1854) strömten immer mehr japanische Kunstgegenstände und Kunsthandwerk nach Europa – besonders aber nach Frankreich. Da die ersten Handelsverträge mit europäischen Ländern erst 1858 abgeschlossen wurden, begann der eigentliche Japonismus-Boom erst danach. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Pariser Weltausstellung (1867) ein. Hier wurden die Kunstobjekte zum ersten Mal von Japanern arrangiert und ausgestellt. Im Folgenden wurde japanische Kunst immer populärer. 

Ukiyo-e und die europäischen Künstler

Dächer von Paris mit Eifelturm

Ukiyo-e haben nicht nur Kunstsammler oder Asien-Liebhaber in der westlichen Welt begeistert, sondern auch die europäische Kunst grundlegend beeinflusst. Die außereuropäischen Attribute, die japanische Ästhetik und die völlig anderen Farbkombinationen in Ukiyo-e und japanischen Gemälden haben viele westliche Künstler überrascht und im Nachhinein beeinflusst. Die Momentaufnahme des Lebens, alltägliche Schönheit und die farbenreichen Motive in Ukiyo-e begeisterten Künstler über alle Stilrichtungen hinweg. Viele Künstler holten aus der komplett anderen Sichtweise der entgegenstehenden Ästhetik viele neue Ideen. Die Ukiyo-e trieben mit ihren großen, klaren Farbflächen und deutlichen Linien besonders die Art Nouveau-Bewegung (in Deutschland Jugendstil genannt) voran.

Claude Monet und Japan

Der japanische Seerosenteich - Claude Monet - 1899 - Wiki Art - Japonismus
Der japanische Seerosenteich – Claude Monet – 1899 – Wiki Art

Claude Monet, einer der bekanntesten und ersten impressionistischen Künstler aus Frankreich übernahm auch viele Elemente der Ukiyo-e für seine Werke. Monet empfand besonders Sympathie für das Konzept der Ukiyo-e. Diese stellen eine Momentaufnahme der alltäglichen Schönheit dar. Auch Monet versuchte die flüchtigen Augenblicke in der sich stetig wandelnden Natur in seinen Gemälden festzuhalten. 

ukiyo-e brücke - utagawa hiroshige
In the Kameido Tenjin Shrine Compound – Utagawa Hiroshige – 1856 – ukiyo-e.org

Die Bilder mit Seerosenteich und der grünen japanischen Brücke sind sehr bekannte Werke von Monet. Er war so begeistert von der japanischen Gartenkunst, dass er sogar einen japanischen Wassergarten in sein Haus in dem französischen Dorf Giverny integrieren ließ. Neben Ahorn und Trauerweiden hat er asiatische Bäume wie Ginkgo und Bambus pflanzen lassen. Er hat dort viel Zeit verbracht und es wie ein Atelier genutzt, um seine vielen Landschaftsbilder zu malen. Doch Monet war nicht nur von der japanischen Natur fasziniert, sondern auch von japanischen Kulturgegenständen, wie Fächern und Kimonos. 

claude monet - japonismus
La Japonaise (Camille im japanischen Kostüm) – Claud Monet – 1876 – Wiki Art

Monet malte auch ein Porträt von seiner Frau. In dem Bild trägt Madame Monet einen japanischen Kimono mit kräftigen roten Farben und hält einen faltbaren Fächer in der Hand. Im Hintergrund sieht man verschiedene Fächer an der Wand, die mit Ukiyo-e Motiven bedruckt sind. Das Motiv auf dem Kimono (ein Mann mit Schwert) sieht so lebendig aus, als ob er sich gleich aus dem Kimono lösen würde und aus dem Gemälde spränge. 

Vincent van Gogh und Ukiyo-e

tanguy van gogh - Japonismus und Ukiyo-e
Père Tanguy – Vincent van Gogh – 1888 – Wiki Art

Vincent van Gogh war ein großer Ukiyo-e Fan und sammelte privat über 400 Ukiyo-e Bilder.  Er bewundert die Schlichtheit und eleganten Linien der Ukiyo-e sehr. Viele Elemente der Ukiyo-e hat er auch in seinen eigenen Stil übernommen. Die Kühne asymmetrische Komposition und ungewöhnlichen Blickwinkel in Ukiyo-e gaben ihm viel Inspiration. Van Gogh hat in seinem Leben zwar viele Selbstporträts gemalt, und wenig Porträts von anderen Menschen. Eine Ausnahme war das Porträt von Père Tanguy. Er war Van Goghs guter Freund aus Paris, Ladenbesitzer für Kunstbedarf und unterstützte arme Künstler, auch Van Gogh. In dem Porträt von Père Tanguy sieht man im Hintergrund 6 Ukiyo-e Bilder (Geisha, Sakura, Berg Fuji, Schneelandschaft und japanische Blumen). Diese Integration der japanischen Bilder in das Porträt lässt auf Van Goghs Sehnsucht nach Japan schließen.

utagawa hiroshige - die brücke
van gogh die brücke

Links: Ohashi at Atake in Summer Shower – Utagawa Hiroshige / Rechts: Brücke im Regen – Vincent van Gogh – 1887 – Art Wiki

Andere bekannte von Ukiyo-e “inspirierte” Werke von Van Gogh sind “Flowering Plum Tree” und “Brücke im Regen”, die er von Utagawa Hiroshiges Werken einfach abmalte. Doch Van Gogh hat nicht nur japanische Ukiyo-e abgemalt. Er hat auch typische Techniken aus den Ukiyo-e Bildern, wie zum Beispiel das Abschneiden von Objekten und den hochgestellten Blickwinkel, in seine Werke einfließen lassen.

Gustav Klimt und seine Japan Kollektion

klimt bild - the kiss
The Kiss – Gustav Klimt – 1908 – Wiki Art

Klimt ist ein sehr bekannter österreichischer Maler, der den Wiener Jugendstil erfunden hat und für die Themen Frauen, Erotik und Lebensfreude berühmt wurde. Stilistisch lässt er sich sehr stark von der japanischen Kinpaku (Blattgold) und Rimpa Kunsttechnik beeinflussen. Die Rimpa Schule verwendet viele leuchtend bunte Farben inklusive Gold- und Silberfarbe, welche man auch in Klimts berühmtesten Werken findet.

japanische kinpaku kunst
Irises – Ogata Kōrin – 1692 – Wikipedia 

Bei der Wiener Weltausstellung im Jahr 1873 wurde ein japanischer Teeraum und Teegarten gebaut. Dies stärkte die Japonismus Bewegung in Wien erheblich. Klimt wuchs sozusagen während dieser Strömung auf und war später selbst ein großer Sammler von japanischen Kunstgegenständen wie Kimono, Ukiyo-e, Netsuke (kleine Figuren aus Knochen, Zahn oder Holz) und japanischer Lackware. Auch sein Künstlerfreund Emil Orlik war ein großer Japan- und Lackkunstliebhaber und beeinflusste Klimt in seinem Schaffensprozess.

Emil Orlik und seine Reise nach Japan

fuji pilgrim - emil orlik ukiyo-e und japonismus
Fuji-Pilgrims / Japanische Pilger auf dem Weg zum Fujiyama – Emil Orlik – 1901 – ukiyo-e.org

Der Prager Grafik- und Holzschnittkünstler, Emil Orlik hat zu seinen Lebzeiten zwei Studienreisen nach Japan durchgeführt. Seine erste Reise nach Japan war 1900, als er 30 Jahre alt war. In Japan verbrachte er 10 Monate, um vor Ort bei verschiedenen Horishi (Holzschnitzern) und Surishi (Druckmeistern) die originale Technik des Ukiyo-e zu lernen. Er begann seine Reise in Edo (heute Tokyo). Danach ging es für ihn zunächst Richtung Norden in die Städte Nikko, Ikaho, Numata, Aizu, Wakamatsu, Niigata, Tsugawa. Zu Schluss der ersten Reise fuhr er aber auch nach Süden über Kamakura, Hakone und Shizuoka in die ehemalige Hauptstadt Kyoto.

Nach diesem Japanbesuch hat er viele Holzschnitte von Landschaften erstellt und mit Verschiedenen Drucktechniken, wie der Farb-Radierung (grafisches Tiefdruckverfahren) und Lithografien (Flachdruckverfahren), gearbeitet. Als sein bekanntestes Werk gilt eine Mappe “Aus Japan”, die er 1904 veröffentlichte. Sie enthielt 50 Exemplare, die japanische Landschaften und das Leben in Japan darstellen. 

1912 machte er eine halbe Weltreise mit dem Abschlussziel Japan. Auf seiner Reise besuchte er Ägypten, Indien und China. Angekommen in Japan, verbrachte Orlik etwa zweieinhalb Jahre dort. Er musste seinen Aufenthalt jedoch vorzeitig abbrechen, da der erste Weltkrieg einsetzte. Durch sein intensives Studium der japanischen Drucktechnik und Kunst hat es Orlik geschafft, diese in seine Werke zu integrieren wie kein zweiter Europäer. Von vielen wird Orlik als der “führende Vertreter” der Kunstrichtung des Japonismus betrachtet.

Published: 18.04.2020 | Posted by: Yuya

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