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Japanische Tattoos – Irezumi zwischen Kunst und Verbrechen

japanische Tattoos mit Koi und Ahornblatt

In vielen Onsen (heiße Quelle) und Fitnessstudios in Japan sind Tattoos verboten oder zumindest unerwünscht. Aber warum ist das eigentlich so? Wenn ihr euch das auch schon einmal gefragt habt, dann seid ihr hier richtig, denn wir wollen uns gemeinsam japanische Tattoos (Irezumi), dessen Geschichte und Bedeutungen anschauen. Das klassische japanische Tattoo ist ein sogenanntes Bodysuit-Tattoo, welches eine Motiv-Komposition ist, die sich über weite Teile des Körpers erstreckt. Wichtig ist, dass sich hinter jedem Tattoo, jeder Komposition, jeder Farbe und jedem Motiv eine ganz eigene Bedeutung versteckt.

Japanische Tattoos und ihre Geschichte

Drei tätowierte Japaner auf einem Ukiyo-e Bild - japanische Tattoos

Die Ureinwohner Japans – die Ainu – haben Tattoos verwendet, um ganz bestimmte Botschaften zu übermitteln. Die Frauen der Ainu haben sich nach der Hochzeit das Gesicht auf eine bestimmte Weise tätowieren lassen und die Männer haben sich bei der Coming-of-age Zeremonie die Symbole ihres Stammes in die Haut stechen lassen. Das weiß man heute hauptsächlich aus chinesischen Quellen, welche über diese Riten sehr geringschätzig berichten. Viel später, im japanischen Mittelalter, wurden Tattoos als Markierung für Straftäter verwendet. Die Markierung variierte je nach Region und Straftat, bestand aber zumeist aus verschiedenen Linien, die auf den Unterarm tätowiert wurden. Damals wurden japanische Tattoos mit Nadeln in schwarze Nara-Tinte getaucht und dann mit einem Bambusstock in die Haut geklopft. Das war wohl ein sehr schmerzhafter Prozess, denn die ausführenden “Tätowierer” waren dabei mit Sicherheit nicht sehr zimperlich.

Figurative Motive

Die ersten figurativen Tattoos entwickelten sich dann so etwa zu Beginn der Edo-Zeit (um 1600) und wurden von buddhistischen Mönchen getragen. Diese Tattoos waren meist Gebetsformeln oder Buddha-Figuren. Die Tattoos wurden häufig als kleiner Nebenerwerb von weniger bekannten Ukiyo-e Künstlern gestochen. Mit der Zeit entwickelten sich aber auch professionelle Tätowierer und andere Formen heraus, wie zum Beispiel die “Liebespunkte” (Ikebokuro). Diese ließ sich ein verheiratetes Paar als Ausdruck der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit auf die Hand zwischen Zeigefinger und Daumen stechen. Doch noch beliebter waren japanische Tattoos mit Motiven aus der Mythologie, wie Drachen, Tigern, Schlangen oder dem Phönix. Jedem dieser Motive wurden gewisse Eigenschaften zugeschrieben, die den Träger des Tattoos stärken machen sollten oder dessen überwundene Schwierigkeiten im Leben repräsentierten. So trugen Feuerwehrmänner zum Beispiel das mächtige Wasserwesen, den Drachen, auf ihrer Haut, um gegen Feuer geschützt zu sein.

Doch auch die zur Straf-Tätowierten Kriminellen ließen sich neue japanische Tattoos (Irezumi) als Cover-up zur Überdeckung der Straf-Tattoos stechen. Diese nutzten sie dann auch zur Einschüchterung, ähnlich wie Gang-Tattoos in den amerikanischen Ghettos. Die Tätowierstuben waren daher meistens in zwielichtigen Stadtgegenden angesiedelt, in denen auch die ehemaligen Sträflinge leben. Somit wurden Tattos eher etwas für Leute in den unteren Stufen des Kasten-Systems, wie zum Beispiel den Yakuza. 

Yakuza und japanische Tattoos

tätowierter Gangster mit einem japanischen Drachen-Tattoo

Bei dem organisierten Verbrechen in Japan, den Yakuza, galten und gilt eine bestimmte Form der Tattoos als besonderes Symbol der Zugehörigkeit. Die Rede ist von den eingangs erwähnten Bodysuit-Tattoos. Diese großflächigen japanischen Tattoos sind auf der einen Seite ein Zeichen der Zugehörigkeit zu den Yakuza, doch auf der anderen Seite stellen sie auch eine bewusste Ausgrenzung aus der japanischen Gesellschaft dar. Da die Motive jedoch sehr traditionell sind und außerdem die grundlegenden japanischen Werte ehren, liegt verborgen in den bunten Formen, vielleicht doch der geheime Wunsch nach Anerkennung durch die japanischen Mitbürger. 

Auf jeden Fall zeigt es, dass sich die Yakuza als festen Bestandteil der japanischen Gesellschaft begreifen. In den letzten Jahren entscheiden sich junge Yakuza jedoch immer häufiger gegen die Irezumi, um sich besser in die japanische Gesellschaft zu integrieren. Dies ermöglicht ihnen bessere Kontakte zu hochrangigen Politikern oder Firmenchefs knüpfen zu können. Außerdem ist der Prozess des Tätowierens nach traditioneller Weise (tebori) sehr langwierig und schmerzhaft. Teilweise dauert es mehrere Jahre in denen die Tattoo-Träger jede Woche für mehrere Stunden zum Tattoo Studio gehen müssen, damit dort der Tattoo-Künstler sein Kunstwerk vollbringen kann.

Geometrie von Bodysuit-Tattoos

Arm mit einem japanischen sleeve Tattoo

Die traditionellen japanischen Tattoos folgen einer ganz bestimmten Geometrie auf den Körpern. Gemeint ist damit nicht, dass die Motive achsensymmetrisch gespiegelt werden, sondern dass die “Ärmel-Länge” jeweils gleich sein sollte. Hierfür gibt es 3 typische Längen: Bis zum Schultergelenk, bis oberhalb des Ellbogens oder bis oberhalb des Handgelenks. Selbes gilt auch für die Beine. Außerdem werden weder der Kopf, Hals, noch Hände oder Füße mit dem Tattoo bedeckt. Häufig findet man auch eine Tattoo-Lücke die sich vom Hals über die Brust und den Bauch bis zum Genitalbereich erstreckt. Wenn man sich einen geöffneten Kimono vorstellt, wäre dieser Bereich sichtbar und soll deshalb “sauber” bleiben.

Symbolik & Bedeutungen der Motive

Wie schon erwähnt verstecken sich hinter jeder Form, Farbe und jedem Motiv eine ganz eigene Bedeutung. Es gibt jedoch sich wiederholende Elemente innerhalb der Tattoos. So gibt es prinzipiell 3 Kategorien: Hauptmotive, Nebenmotive und den Hintergrund. Unter den Hauptmotiven kann man alle Tiere, mythologischen Wesen, Samurai und Geishas zusammen fassen. Sie bilden die Hauptbedeutung des gesamten Tattoos. Als Nebenmotive werden häufig Blumen tätowiert, die jeweils ihre ganz eigenen Bedeutungen tragen und doch in Zusammenhang mit der Hauptbotschaft stehen. Zu guter Schluss, gibt es bei jedem Irezumi einen Hintergrund. Meistens wird darin entweder Wind oder Wasser angedeutet. 

Tiere, mythologische Kreaturen & Menschen

japanische Tattoos - japanischer Drache- Irezumi

Tiere wie Tiger, Schlange, Koi-Karpfen und mythologische Wesen wie der Drache, Fu-Hunde oder Phönix sind die häufigsten Motive bei japanischen Tattoos. Doch es gibt auch berühmte Samurai, Geishas oder Bilder von Oni-Masken, die als Hauptmotiv in ein japanisches Tattoo Eingang finden.

Was sind die Bedeutungen von Japanischen Tattoos?


Drache (ryu): Stärke, Weisheit, Güte, Wind und Wasser
Fu-Hunde (komainu): Schutz, Heldenmut, Glück
Tiger (tora): Kraft, Mut, Krankheiten, Schutz vor Unglück & bösen Geistern, Wind
Schlange (hebi): Weisheit, Schutz, Glück, Wandel und Stärke
Phönix (hō‘ō): Wiedergeburt, Triumph, Feuer
Koi: Entschlossenheit, Stärke, Mut, Selbstverbesserung, Erfolg, Wasser
Dämon (oni): Teufel, Dämonen, Gut und Böse, Schutz

Bild von einem japanischen Teufel / Oni

Einige der Motive haben eine ziemlich konträre Bedeutung zu den Wesen der europäischen Mythologie. So steht der Drache nach westlichem Glauben für ein raffgieriges, aggressives, feuerspeiendes Wesen, welches meist einen riesigen Schatz bewacht. Ganz im Gegenteil werden Drachen in Ostasien als weise Wasserwesen gesehen, die ihre Stärke zum Wohl der Menschen einsetzen. Auch der kleine Bruder des Drachen, die Schlange, ist in Japan kein bösartiges Wesen. Durch ihre Fähigkeit sich zu häuten, steht sie für Regeneration und Wandel. Klassische Irezumi folgen also einer ganz bestimmten Intention und einem festgelegten symbolischen Code.

Was ist Irezumi?

Irezumi ist das japanische Wort für tradtionelle Tattoos bzw. das einbringen von schwarzer Tinte unter die Haut. Diese Tattoos werden häufig mit der japanischen Mafia, den Yakuza, in Verbindung gebracht, da die Ganzkörper-Tätowierung über Generationen als Erkennungsmerkmal und Auszeichnung diente.

Durch die Blume gesagt…

Yakuza Tattoo mit Blumen - Irezumi - japanische Tattoos

Blumen werden seit jeher als Schmuck und Dekoration verwendet, sodass sie in gewisser Weise auch die Körper der Tätowierten schmücken. In Europa wie in Japan haben die verschiedenen Blumen auch unterschiedliche Bedeutungen, die Wünsche und Verlangen ausdrücken. Das vielleicht bekannteste Symbol ist die rote Rose, die für Liebe und Leidenschaft steht. Daher ist der Spruch “etwas durch die Blume sagen” durchaus wörtlich gemeint: man wählt die Blume aus, die den eigenen Gefühlen und Wünschen entspricht. Ganz besonders sorgfältig wählt man die Blumen aus, wenn sie unter der Haut verewigt werden soll. Die Blumen bzw. Pflanzen, die am häufigsten vorkommen sind Kirschblüten, Pfingstrose, Chrysantheme, Lotus und das japanische Ahornblatt. 

Kirschblüte (sakura): Sterblichkeit, Kurzlebigkeit, Japan, Schönheit
Pfingstrose (botan): Eleganz und Wohlstand
Chrysantheme (kiku): Langlebigkeit, Perfektion, Glück und das Kaiserhaus
Lotus (hasu): Weisheit, Lebenszyklus und Erleuchtung
Ahorn (momiji): Zeit, Wechsel, Leben und Tod

japanisches Yakuza Tattoo mit Wasser und Ahornblättern

In Westeuropa sind Tattoos eher eine neumodische Erscheinung und sind sehr weit in der Gesellschaft verbreitet. In Japan hingegen existiert zwar die Tradition des Tätowierens, welche Jahrhunderte zurück reicht. Doch aufgrund der Assoziation mit der organisierten Kriminalität und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Nachteilen sehen viele Japaner davon ab, sich tätowieren zu lassen. Erst mit dem Aufkommen der westlichen Tattoo-Stilen nach dem zweiten Weltkrieg, wurden die Regeln etwas lockerer, doch man sollte nicht vergessen, dass die japanische Gesellschaft grundsätzlich konservativ ist und gerne an alten Werten festhält. Auch wenn Tattoos nicht jedermanns Geschmack sind, so sind die japanischen Tattoos ohne Frage echte Meisterwerke die sich über die Wölbungen und Vertiefungen des Körpers erstrecken.

Published: 11.04.2020 | Posted by: Miriam

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