Design & Art Lifestyle in Japan

Ikebana – Japanische Blumensteckkunst und ihre Geschichte

ikebana kunst

Überall auf der Welt finden Blumen als kultische Gabe oder als dekorativer Schmuck ihren Gebrauch. Zu besonderen Anlässen wie Geburtstagen, Jubiläen oder Hochzeiten ist es überdies Brauch Blumen in Form von Sträußen oder Kränzen zu schenken. Das Verschenken von Blumen hat sich in unserer Gesellschaft als Zeichen für Zuneigung, Respekt und Glückwünsche etabliert. In Japan wird das Blumenarrangement (Ikebana), dessen Wurzeln in religiösen Blumenopfern liegen, als eine traditionelle Kunst verstanden. Diese geht über den Status als Geschenk oder Schmuck hinausgeht.

Die Geschichte des Ikebana

ikebana auf dem tisch
blumen in der vase

Ikebana, auch bekannt unter der Bezeichnung Kadō, ist sinngemäß übersetzt die Kunst des Blumenarrangements. Die Silbe “ike” kommt von dem japanischen Ausdruck “ikeru” (leben). Der Begriff “bana” bezeichnet nicht nur Blumen und Blüten im engeren Sinne, sondern kann großzügig ausgelegt werden. So umfasst bana auch Zweige von Nadel- und Laubbäumen, Gräser, Blätter, Wurzelstücke, bemooste Äste, entrindete Zweige, Gemüse, getrocknete Pflanzen und Früchte.

Der Gebrauch des Ikebana entwickelte sich aus den buddhistischen Blumenopferritualen in den chinesischen Tempelanlagen, die teilweise aus dem 6. Jahrhundert stammen. Die ersten chinesischen Missionare, die nach Japan kamen, brachten die Blumenkunst als heiliges Blumenopfer zusammen mit der Lehre Buddhas ins Land. Doch obwohl die Blumenopferrituale ihre Ursprünge in China haben, waren es die Japaner, die die Kunst des Blumenarrangierens verfeinert und weiterentwickelt haben. 

Ikebana gehörte damals neben der Teezeremonie, der Kalligraphie, der Dichtkunst und der Musik zur Ausbildung jedes männlichen Adligen. Zunächst war es nur dem Kaiser, Mönchen, Shogunen, Samurai und Fürsten des Landes erlaubt diese Kunstform ausübten. Erst ab dem 19. Jahrhundert erhielten auch die Frauen des Adels Zugang zu einer Ikebana-Ausbildung. Heutzutage darf jeder Interessierte die Kunst des Blumenarrangierens lernen.

Liebe zur Natur und Zen-Buddhismus

ikebana kunst

Die starke Verbindung der Japaner zur Natur liegt im Shintoismus begründet. Dies ist die ursprüngliche Naturreligion Japans, die bereits, vor der Einführung des Buddhismus existierte. Da jedoch beide Religionen keinen Alleingültigkeitsanspruch haben, können sie koexistieren und in gewissen Teilen sogar miteinander verschmelzen. Auf diese Weise werden verschiedene Aspekte aus den beiden Religionen verwendet, die dann in die Kunstform Ikebana einfließen. 

Ab dem 12. Jahrhundert gelangte der Zen-Buddhismus von China nach Japan. Der japanische Begriff Zen stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Meditation. Diese Meditation wird als eine Methode zur Erlangung innerer Einsichten praktiziert. Außerdem hatte die Zen-Lehre der natürlichen Unperfektion einen starken Einfluss auf die Grundhaltung der japanischen Kunst. Ein wesentlicher Aspekt ist die Rückkehr zur Natur, welcher auch in die Blumensteckkunst einfließt. Oftmals streben Japaner insbesondere nach der Unvollkommenheit der Natur. Diese findet man etwa in einem verbogenen Schilfrohr oder einem zerrissenen Laubblatt. So wird auch im Ikebana das Unperfekte und das Natürliche in den Pflanzen stark betont. Der Praktizierende versucht nicht, die geschnittenen Blumen so zu arrangieren, dass sie das ästhetische Bewusstsein des Betrachters befriedigen. Vielmehr sollen die Blumen selbst ihr ureigenes Wesen ausdrücken. Dadurch soll sowohl der Praktizierende, als auch der Betrachter sie in ihrer natürlichen Erscheinung erleben können.

Opferkult im Buddhismus & Gründung der Ikenobo-Schule

Die Kunst des Ikebana hat ihre Ursprünge im buddhistischen Opferkult. In ihm wird das Darbringen von Blumen als ehrenvolle Handlung angesehen. Zu Ehren Buddhas erstellten Tempeldiener Blumengestecke und platzierten diese als Opfergabe auf den Altären. Dieser Brauch war zugleich im buddhistischen Sinn der „Versuch“ oder die „Bemühung“, die Lebendigkeit in den Pflanzen zu erhalten.

Die Verbreitung des Buddhismus in Japan ist dem Kronprinzen mit dem Titel Shōtoku Taishi (574–622), zuzuschreiben. Während seiner Regentschaftszeit hat er zahlreiche kulturelle Reformen initiiert. Darunter die Übernahme der chinesischen Festlandskultur, den Buddhismus und die Künste. Er erkannte die moralischen und intellektuellen Vorteile des Buddhismus und entsandte Kultur-Botschafter wie auch Ono-no Imoko nach China, um die kulturellen und religiösen Elemente Chinas zu studieren. Dieser gründete wiederum im frühen 7. Jahrhundert die erste und größte Schule für klassisches Blumenarrangement in Japan, die Ikenobō-Schule.

Klassische Ikebana-Techniken

Bei der Kunst des Blumensteckens geht es vor allem um künstlerische Gestaltung, aber nicht um das Anhäufen von Blumen in Vasen. Zu dem wird Ikebana für eine ganz bestimmte Stelle im Raum geschaffen. Da ein Gesteck asymmetrisch gestaltet wird, darf es nur von einem festgelegten Blickpunkt aus betrachtet werden. Anders als in Europa steht ein solches Arrangement nicht in Mitte eines Tisches, wie es im europäischen Raum häufig zu finden ist. Dies liegt darin begründet, dass sich die japanische Betrachtungsweise bzw. das Empfinden von Ästhetik stark von dem europäischen unterscheidet. 

blumen ikebana stil

Die meisten Ikebana-Formen basieren auf den drei Hauptlinien shin, soe und tai, die Himmel, Mensch und Erde symbolisieren. Diese Struktur beruht auf buddhistischer Grundlage und soll den Menschen in seiner kosmischen Beziehung zu Himmel und Erde darstellen. Beim Arrangieren werden Zweige oder Blumen auf unterschiedlicher Höhe in drei Richtungen angeordnet, wodurch das „Prinzip der Drei“ entsteht.

Dem Himmel shin, der zugleich die längste der drei Hauptlinien in einem Ikebana darstellt, wird die Seele aller Elemente im Leben zugeschrieben. Die mittlere Hauptlinie, der Mensch soe, besitzt die halbe Länge der shin Linie. Sie steht für die grundlegende Art und Weise, wie alle Dinge auf der Welt lebendig und aktiv sind. Die Erde tai sollte die halbe Länge der soe Linie erreichen und ist somit die kürzeste der drei Hauptlinien. In ihr spiegelt sich wider, wie die Dinge ihre Form annehmen. Beim Arrangieren sollten in jedem Ikebana diese drei Hauptlinien Himmel, Mensch und Erde zu finden sein. Weitere zusätzliche Äste oder Blüten dienen lediglich zur Unterstützung dieser drei Hauptprinzipien.

Befreiung der Ikebana in der Moderne

ikebana schule

Zu einer Befreiung der Blumenkunst von der traditionell-strengen Schule trug vor allem das Wirken der Tee-Meister bei. Sie wünschten eine eher ungezwungene Art des Blumenarrangements für den Teeraum, da die Tee-Zeremonie andere Anforderungen stellt. Für die Tee-Zeremonien schmückten die Teemeister die Schmucknische (tokonoma) mit einem Rollbild und frei arrangierten Blumen. Deshalb war ihre Methode nicht durch Techniken und Regeln geprägt, vielmehr war die Harmonie des gesamten Teeraums von höchster Bedeutung. Bei einer Teezusammenkunft galt der Grundsatz, dass das Blumengesteck so natürlich wie möglich wirken soll.

In japanischen Wohnhäusern findet man heute zunehmend das Ikebana zusammen mit einem entsprechenden Rollbild in der tokonoma, die zur Ahnenverehrung dienen soll. Auch in großen Kaufhäusern oder in Bürogebäuden ist das Ikebana als Dekoration gebräuchlich geworden. 

Ikebana haben sich über ihre Funktion als Opfergabe in buddhistischen Tempeln hinaus entwickelt. Durch den Wandel vom rein religiösen Schmuckstück zum weltlichen Gebrauch wird die Kunst des Blumenarrangements heute im täglichen Leben gelebt. Das dekorative, formelle Arrangement (Rikka) findet im modernen Leben nur noch sehr begrenzt Gebrauch. Man findet Rikka-Kompositionen nur noch zu bestimmten Zeiten und auf Festen mit besonderem Anlass. Hierzu zählen das Neujahrsfest, traditionelle Hochzeiten und Beerdigungen oder Feste mit einem buddhistischen Zusammenhang. An dessen Stelle im Alltag treten jetzt einfache Ikebana-Stile, wie das Moribana. Im Laufe der Geschichte des Ikebana haben sich viele verschiedene Stilrichtungen entwickelt. Unter den verschiedenen Ikebana-Schulen werden zwar die allgemeinen Stilarten anerkannt und befolgt, jedoch sind die Variationsmöglichkeiten unterschiedlich. 

Published: 05.04.2020 | Posted by Menghan Sun

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.